Kunst oder Handwerk – Arbeitsalltag eines Untertitlers

Beim Anschauen von Filmen oder Fernsehsendungen ärgern sich viele, dass die Untertitel entweder nicht ins Schwarze treffen oder das Gesagte nur unvollständig wiedergegeben wird. Ehrlich gesagt ging es uns früher nicht anders, und tatsächlich lässt die Qualität der Untertitel bisweilen arg zu wünschen übrig. Die Transparenz und die Tendenz zur Kritik sind bei der Untertitelung viel größer als bei Textübersetzungen, da die Originalversion zeitgleich zu hören ist.

Als wir aber irgendwann selbst in das Untertitelungshandwerk eingeführt wurden und an unseren ersten Filmen und Sendungen saßen, merkten wir, mit welchen Widrigkeiten sich Untertitler auseinandersetzen müssen. Auch Kolleginnen und Kollegen mit langjähriger Erfahrung müssen immer wieder Kompromisse eingehen, mit denen sie am Ende nicht ganz zufrieden sind. Aber ohne Kompromisse geht es beim Untertiteln nicht. Mit der Beantwortung der folgenden zwei Fragen wollen wir etwas Licht ins Dunkel bringen: Wie entstehen eigentlich Untertitel? Welche besonderen Aspekte muss der Untertitler bei seiner Arbeit beachten?

Am Anfang war das Skript. Oder auch nicht: In manchen Fällen steht einem Untertitler lediglich das Filmmaterial zur Verfügung, weil ein Skript entweder nicht existiert oder aus irgendeinem Grund nicht mitgeliefert wurde. Man muss sich also einerseits auf seine Ohren verlassen und andererseits deutlich mehr Zeit einplanen, da schwer verständliche Stellen unter Umständen zigmal abgehört werden müssen und manchmal trotz der Hilfe eines Muttersprachlers unverständlich bleiben.
Gehen wir aber vom Idealfall aus, nämlich dass uns ein Skript vorliegt. Wenn es sich nicht gerade um Untertitel für Hörgeschädigte handelt, die in derselben Sprache wie das Filmmaterial verfasst werden, muss der Untertitler das Gesagte in einer anderen Sprache wiedergeben. Manchmal wird das Skript vorübersetzt – oft jedoch werden die Übersetzung und das sogenannte Spotting (d. h. das Festlegen der Ein- und Ausstiegszeiten der Untertitel) in einem Arbeitsgang erledigt.

Dabei steht man immer wieder vor dem großen Platzproblem: Wie bekomme ich das Gesagte in einen Untertitel, der nur für kurze Zeit eingeblendet werden kann und nur so viel Text enthalten darf, wie das menschliche Auge in dieser Zeit zu lesen und das Gehirn zu verarbeiten imstande ist? Eine Filmsekunde besteht meist aus 25 Einzelbildern (PAL). Professionelle Untertitelungssoftware erlaubt es uns, den Anfang (in-time) und das Ende (out-time) eines Untertitels bildgenau zu bestimmen. Sie zeigt außerdem an, ob die im Untertitel enthaltene Textmenge in der definierten Einblenddauer gut lesbar ist. Da wir Gesprochenes schneller aufnehmen können als Geschriebenes, muss der Untertitler Aussagen kürzen oder umschreiben, ohne den Sinn des Gesagten zu verfälschen. Wenn im Film schnell gesprochen wird oder mehrere Personen durcheinander reden, muss die Textmenge besonders geschickt und feinfühlig reduziert werden. Hierbei kann schon ein einzelner Buchstabe darüber entscheiden, ob ein bestimmtes Wort in eine Zeile passt oder durch einen kürzeren Begriff ersetzt werden muss – sofern sich einer findet.

Hinzu kommen noch weitere Schwierigkeiten wie der Umgang mit Dialekten und Akzenten, mit Reimen und Humor, Gesten und Schrifteinblendungen. Auch der inhärente Unterschied zwischen gesprochener und geschriebener Sprache muss beachtet werden, denn verschriftlichte Umgangssprache ist nicht unbedingt auf Anhieb verständlich.

Eine weitere Herausforderung ist das Spotting. In-time und out-time der Untertitel müssen so gesetzt werden, dass die Untertitel nicht unruhig oder flatterig wirken, sondern sich dem Rhythmus des Films anpassen, um so dem Zuschauer das Lesen zu erleichtern. Dazu müssen auch die Filmschnitte beachtet werden. Gleichzeitig sollten die Untertitel möglichst synchron mit dem Filmdialog erscheinen, um dem Zuschauer die Zuordnung der Untertitel zum Gesagten nicht zu erschweren. Hier ist quasi Millimeterarbeit gefragt, und oft hat ein sauberes Spotting Priorität vor dem Inhalt, was den Untertitler zu weiteren Kürzungen zwingen kann. Das Spotting ist also ein Prozess, bei dem der Untertitler verschiedene Faktoren (Synchronizität, Filmschnitte, Filmrhythmus) gegeneinander abwägen muss. Es ist so, als würde man sich erst sein Papier zurechtschneiden, auf das man die Übersetzung schreiben kann. Wie viel des Gesagten ich in meiner Übersetzung unterbringen kann, hängt demzufolge stark vom dem ab, was der Film an Spotting zulässt. Die Lesbarkeit von Untertiteln sollte eine der höchsten Prioritäten eines Untertitlers sein, da eine noch so schöne Übersetzung am Zuschauer vorbeigeht, wenn er sie nicht lesen kann. Aus diesem Grund sollten z. B. Sätze auch möglichst sinnvoll aufgeteilt und Zeilen an sinnvollen Stellen umgebrochen werden.

Kurzum: In erster Linie muss die Form gewahrt werden, dann folgen Inhalt und Stil – alles unter der Prämisse, dem Zuschauer das Gesagte in möglichst leicht lesbaren und verständlichen Untertitelhäppchen zu servieren.
So gesehen ist die Untertitelung durchaus eher als Kunst denn als Handwerk anzusehen. [mw]