Kleine Berufskunde

Eine ausführliche Fassung dieses Beitrags erschien erstmals in: Harlaß, Katrin (Hrsg.), Handbuch Literarisches Übersetzen. BDÜ Fachverlag 2015, S. 121-130.

Wie arbeiten UntertitlerInnen?

Untertitelungen entstehen auf höchst unterschiedlichen Arbeitswegen. Im Idealfall richtet der/die ÜbersetzerIn die Untertitel auch selbst ein. Das heißt, er oder sie verfügt über eine Software, mit der sich Ein- und Ausblendezeiten der Untertitel, die Länge und Position der Zeilen sowie einige andere technische Parameter mehr festlegen und im Video simulieren lassen. So kann die Übersetzung schon während der Anfertigung an die zur Verfügung stehende Lesezeit angepasst und in einen der jeweiligen Schnittfolge und Filmästhetik entsprechenden Rhythmus gebracht werden. Dieser Arbeitsschritt wird „Spotting“ oder „Timing“ genannt. Es kommt aber auch vor, dass zuerst das Dialogbuch übersetzt wird und der Text danach von einer/einem zweiten BearbeiterIn „in Form gebracht“ wird. Entstehen für einen Film mehrere Sprachfassungen auf einmal, erhalten die ÜbersetzerInnen oft sogenannte Spottinglisten, in denen die Originaldialoge bereits in Untertitelform gebracht sind und innerhalb dieses Rasters übersetzt werden müssen (mehr unter „Arbeitsalltag eines Untertitlers“).
Auftraggeberin der ÜbersetzerInnen ist in den meisten Fällen eine Agentur, die das Projekt für den Filmverleih, die Fernsehanstalt, die DVD-Produktionsfirma und andere Direktkunden abwickelt. Sie sorgt für die redaktionelle Überarbeitung der Übersetzung (ein Schritt, der heute zunehmend eingespart oder reduziert wird und bei finanziellen oder zeitlichen Engpässen wie etwa bei kleineren Filmfestivals häufig entfällt) sowie für die technische Weiterbearbeitung, d.h. das Erstellen des untertitelten Sendebandes, der DVD-Bilddatei, der Voice-over- oder Synchronaufnahme usw. Größere Agenturen haben einen Stamm festangestellter ÜbersetzerInnen und PraktikantInnen und arbeiten für größere Projekte oder weniger gefragte Sprachkombinationen mit FreiberuflerInnen zusammen. Dazu stellen manche Agenturen die hauseigene Software zur Verfügung (die Lizenz ist dann in der Regel auf ein bestimmtes Ausgabeformat beschränkt). Wenn das Spotting oder die Anpassung einer Spottingliste an die neue Sprachfassung Teil des Auftrags ist, wird häufig aber auch eine eigene Software vorausgesetzt, mit der die Untertiteldatei in den gängigsten Formaten geliefert werden kann.

Untertitelungssoftware

Die Bandbreite an verfügbarer Software, mit der die Untertitel während oder nach der Übersetzung eingerichtet werden können, ist groß. Mit Freeware wie Subtitle Workshop, Subtitle Edit und VisualSubSync lassen sich zwar Untertiteldateien erstellen, jedoch oft nicht in Formaten, die von Agenturen oder Direktkunden problemlos weiterbearbeitet werden können. Oft fehlen wichtige Funktionen für professionelles Spotting ganz oder lassen sich nur durch zeitaufwändige zusätzliche Arbeitsschritte umsetzen. Dennoch sind kostenlose Untertitelungsprogramme ebenso wie Demo-Versionen und Probelizenzen von professioneller Software für EinsteigerInnen eine gute Möglichkeit, die Arbeitsabläufe zu testen und das Spotting zu üben. Professionelle Anwendungen beginnen im Preis je nach Umfang der Lizenz bei mindestens 1000 Euro; manchmal ist eine monatliche Miete oder ein Preisnachlass beim Kauf mehrerer Lizenzen möglich. Zu den gängigsten Anbietern am Markt zählen EZTitles, Swift, WinCAPs und FAB.
Ihnen allen gemeinsam ist ein in mehrere Bearbeitungsfelder aufgeteiltes Arbeitsfenster: zum einen das Video, das vom Auftraggeber zur Verfügung gestellt wird und einen Timecode (d.h. eine mitlaufende Angabe in Stunde/Minute/Sekunde/Einzelbild des Videomaterials) im Bild enthalten sollte. Darin werden die erstellten Untertitel angezeigt und können mit Play/Pause und im Vor- und Rücklauf abgespielt werden. Zum anderen die Liste der Untertitel mit Angabe der Standzeit, der Einblendezeit und der Ausblendezeit, die man für den jeweiligen Untertitel festgelegt hat. Professionelle Software zeigt dort auch direkt an, ob die zulässige Zeichenanzahl pro Zeile überschritten ist, ob man gemäß der festgelegten Lesegeschwindigkeit zu viel oder zu wenig Text in diesen Untertitel gesetzt hat, ob zwei Untertitel sich versehentlich überlappen usw.
Üblich sind außerdem eine Art „Filmstreifen“ mit Anzeige der Einzelbilder (engl. Frames) des Filmmaterials und der Bildschnitte, also den Wechseln der Kameraeinstellung im Film, sowie die wellenförmige Darstellung der Tonspur. Diese Felder ermöglichen eine schnellere und präzisere Festlegung der geeigneten Ein- und Ausblendezeiten jedes Untertitels.
Die so erstellten Untertiteldateien enthalten neben dem Text die einzelbildgenauen Angaben der Ein- und Ausblendezeiten und können so direkt für die Erstellung des audiovisuellen Endprodukts verwendet werden. Sofern nicht die Agentur die Redaktion der Untertitelung übernimmt, sollte man bei der Arbeit für Direktkunden nach dem Vier-Augen-und-Ohren-Prinzip arbeiten, also die Datei nach inhaltlichen, stilistischen und technischen Gesichtspunkten durch einen Kollegen/eine Kollegin lektorieren lassen.

Einstiegsmöglichkeiten und Berufsaussichten

Bis die geschilderten Arbeitsprozesse und übersetzerischen Fertigkeiten richtig trainiert sind, ist eine mehrmonatige Einarbeitungs- und Übungsphase nötig. Die Ausbildungsmöglichkeiten hierfür sind jedoch begrenzt. Viele steigen über ein Praktikum, eine Einlernzeit bei einer Agentur oder in enger Zusammenarbeit mit erfahrenen LektorInnen in die Branche ein. Einen zweijährigen Master in Medienübersetzung, mit einem Modul zur Untertitelung und Praxisanbindung durch Pflichtpraktika, bietet die Universität Hildesheim am. Am SDI München, einer Fachakademie und Hochschule für Angewandte Sprachen, gibt es Untertitelungsseminare, die externen Interessenten offenstehen. Weitere Seminarangebote, etwa der BDÜ-Landesverbände, beschränken sich meist auf Schnupperkurse von ein bis zwei Tagen, die erste Übungen und Softwareschulungen bieten, aber die Einarbeitungszeit nicht ersetzen können.
Der Mangel an Ausbildungsmöglichkeiten bei gleichzeitig steigendem Bedarf an professionellen UntertitlerInnen hat einen ungünstigen Effekt: Die führenden Agenturen im Untertitelungsbereich haben seit der Internationalisierung des Marktes, insbesondere im Bereich der DVDs, verstärkt Konkurrenz durch Billiganbieter aus dem Ausland bekommen. Auf der anderen Seite führt auch die Auftragsvergabepraxis im öffentlich-rechtlichen Bereich, die auf den günstigsten Anbieter setzt (setzen muss), zu Preisdruck gerade in dem stark gewachsenen Bereich der Gehörlosenuntertitelung und Audiodeskription. Das bringt so manche Agentur leider dazu, PraktikantInnen und VolontärInnen auch nach der Einlernzeit als billige Arbeitskräfte einzusetzen bzw. als FreiberuflerInnen mit niedrigen Honoraren an sich zu binden. Hier sind Vorsicht und Verhandlungsgeschick geboten.
Generell sollte man nicht erwarten, mit audiovisuellen Übersetzungen finanziell komfortabel aufgestellt zu sein. Bezahlt wird pro Filmminute (das ist heute der Regelfall) oder pro Untertitel. Für einen 90-minütigen Spielfilm sollte man eine Arbeitszeit von mindestens einer Woche ansetzen – vom Herunterladen und Einrichten des Videos über Recherchen bis hin zum Feinschliff der Übersetzung –, was abhängig von den Einsatzbereichen (Kino, TV oder DVD) und Arbeitsprozessen (mit oder ohne Spotting) unterschiedlich vergütet wird (Bereitschaft zu nicht zusätzlich vergüteten Wochenend- und Spätschichten wird in den immer schneller werdenden Produktions- und Vertriebsabläufen dabei zunehmend vorausgesetzt.) Außerdem sind audiovisuelle ÜbersetzerInnen künstlerische Urheber ihrer Texte; das heißt, eine schwerpunktmäßige Tätigkeit in diesem Bereich berechtigt zur Aufnahme in die Künstlersozialkasse, jedes im Fernsehen ausgestrahlte oder als Verleihmedium veröffentlichte Werk kann bei der VG Wort gemeldet werden (mehr dazu hier), und die gegebenenfalls auf das Honorar fällige Mehrwertsteuer beträgt 7 Prozent. (Allerdings leuchtet dieser Status nicht allen zuständigen SachbearbeiterInnen an den jeweiligen Stellen auf Anhieb ein und muss u. U. verhandelt werden.) Eine Vergütung von Zweitverwertungen, abgesehen von den VG-Wort-Tantiemen in den genannten Bereichen, ist in der Branche bislang leider nur selten bis gar nicht üblich; so werden für das Kino erstellte Untertitelungen möglicherweise für die DVD-Fassung weiterverkauft, ohne dass der/die ÜbersetzerIn davon erfährt oder daran beteiligt wird. Auch die eigentlich im letzten auf den Abspann gesetzten Untertitel einzublendende Urhebernennung entfällt auf DVDs und im Fernsehen in den allermeisten Fällen.

Es gibt also viel zu tun, um dem Beruf die nötige finanzielle und künstlerische Anerkennung zu verschaffen! [np]